10. Mottwana-Land

 

Ein paar Schmetterlinge sitzen unter einer Baumrinde. Sagt einer:  „Glaubt einer von euch wirklich an Mottwana?“

 

Antwortet einer: „Bloß ein Mythos, einige alte Baumrinden-Schriften. Wen interessieren diese Verrückten?“

 

Unterbricht an anderer: „Diese Frage ist so alt wie die Rasse der Schmetterlinge. Selbst mit all der neuen Technologie gibt es noch immer keine schlüssige Antwort.“

 

Ein anderer fragt: „Was  ist  Mottwana? Kannst du es definieren? Hat es einen Anfang, hat es ein Ende? Leute, wo sind eure wissenschaftlichen Methoden? Los, hört auf mit diesem Mumpitz ...“

 

Noch ein anderer sagt: „Selbst wenn es existieren würde, wer würde dort sein wollen? Keine gemütlichen Baumrinden, gegen die man sich reiben kann! Wenn diese Gerüchte wahr wären, dann wären wir überhaupt nicht mehr in diesem Baum. Was für ein fürchterlicher Gedanke!“

 

Einer sagt: „Ja! Außerhalb dieses Baums kann es nichts anderes als die Leere geben! Nichts! Leerheit!“

 

Und einer von den älteren Schmetterlingen sagt: „Ich habe mein ganzes Leben die Schriften der Heiligen Baumrinden studiert und ich sage euch: Glaubt und ihr werdet gerettet! Tut Buße jetzt, oder der Mächtige Specht wird euch für alle Ewigkeit verschlucken!“

 

„He, he“, witzelt ein anderer, „was kommt dann – die Grüne Baumeidechse? Lass es gut sein, lasst uns saftige Baumrinde kauen und unser Leben weiter leben!“

 

„Es kann nicht vollkommen ausgeschlossen werden, dass es auch andere Bäume gibt“, sagt einer und alle lachen. „Ich bin sicher, wenn wir unseren Weg einfach durch die Baumrinde wackeln, dann werden wir schließlich frei sein!“ behauptet einer.

 

„Frei von was? Welchen Sinn sollte das haben? Dieser Baum ist alles, was zählt – alles andere ist bloß wilde Spekulation – Opium für Schmetterlinge – lasst uns alles organisieren und sicher gehen, niemand bekommt ein besseres Stück Baumrinde als der Rest von uns!“

 

Ein anderer Schmetterling sagte mit Überzeugung: „Ich weiß, dass es einen Weg aus diesem Baum gibt! Aber ich werde nicht gehen, bevor nicht jedes Lebende Wesen in diesem Baum seinen Weg hinaus gefunden hat.“

 

„Ich auch nicht“, kündigt ein anderer an.

 

„Lächerliche Leute“, protestiert jemand, „wenn ihr beiden zuletzt gehen möchtet, dann wird keiner von euch jemals gehen können. Könnt ihr das nicht verstehen?“

 

Plötzlich gibt es Aufruhr in der Kolonie.

 

„Ich kann das Licht sehen!“ schreit jemand.

 

„Oh nein! Wieder einer dieser Sektierer!“ seufzen die Leute.

 

„Ich breche zur anderen Seite durch“, beharrt der Schmetterling.

 

„Du musst auf Drogen sein“, sagt ihm jemand.

 

„Niemand ist jemals nach draußen gegangen und zurückgekehrt und hat darüber erzählt. Das allein ist Beweis genug, dass dieser Mottwana-Quatsch nichts weiter als das Produkt eines schwachsinnigen Insekten-Verstandes ist“, erklärt einer der Schmetterlinge.

 

„Nein, nein“, ruft der eine, der das Licht sah. „Unser seidiger Körper ist bloß eine Hülle, in Wirklichkeit ein Käfig! Wenn du dich selbst befreit hast, kannst du ihn verlassen. Und sogar den Baum!“

 

„Komm jetzt zurück, dummer Junge!“ schimpft seine Mutter.

 

„Es ist unmöglich, sich von diesem Baum zu befreien!“ sagen einige Weise. „Du musst zuerst Mitglied des Ordens der Erleuchteten Schmetterlinge sein. Es gibt keine würdigen Nymphen außerhalb unserer Heiligen Gemeinde! Dies muss ein trauriger Fall von Wahnsinn sein.“

 

„Ja“, fügt ein anderer Weiser hinzu, „hier kann keine Rettung sein, bis das nächste Erleuchtete Insekt in diesem Baum erscheint!“

 

Und die politische Gemeinde der Schmetterlinge ruft nach der Schmetterlings-Polizei, ihn einzusperren: „Diese verrückten Ideen sind antisozial, Zeichen einer zutiefst gestörten Mentalität. Eine Bedrohung der Gesellschaft.“

 

„Keine Angst“, sagt der Wissenschaftler. „Glücklicherweise haben wir eine neue Droge entwickelt, die die Symptome mildert. Sie ist nicht aber nicht billig. Wir haben schließlich viele Millionen Insekten-DM für ihre Entwicklung ausgegeben ...“

 

Als sie jedoch bei dem Schmetterling ankamen, der das Licht gesehen hatte, war alles, was sie finden konnten, eine leere Hülle.

 

Inzwischen sah der sich entfaltende Schmetterling, dass Mottwana der Himmel war. Und er betrachtete seine farbenprächtige Flügel und erkannte, dass er ein wunderschöner Schmetterling war.

 

Und zu Beginn des neuen Tages breitete dieser Schmetterling seine Flügel aus ...