Von den ‚Logs von JD Flora’ (1)

 

(Irgendwo in einem seltsam gebauten Gebäude

in Washington DC., 23. Februar 1996)

 

 

 

„O.k., Dr. Flora. Sie fangen morgen an. Wie ich sagte, die gesamte Arbeit muss zu den Bedingungen erledigt werden. Sie werden bis aufs letzte Hemd untersucht (also nackt), wenn Sie den A42-Flügel betreten und auch, wenn Sie ihn wieder verlassen. Bedaure, aber das sind die Regeln. Offiziell machen Sie Computer-Recherchen. Irgendein Wort darüber, was hier vorgeht, zu irgend jemandem und ...,“ seine Geste war deutlich genug.

 

Es schien für ihn amüsant zu sein. Für mich nicht.

 

„Das ist ein ziemlich interessantes Arbeitsinterview, muss ich sagen“, bemerkte ich stirnrunzelnd.

 

„Dies ist kein Interview. Es wurde beschlossen und ich bin hier, um Ihnen Anweisungen zu geben. Noch Fragen?“

 

„Nein,“ sagte ich trocken, „ich bin nicht interessiert ...“

 

Der Beamte täuschte ein herzliches Lachen vor. „Sie haben keine Wahl, Dr. Flora. Habe ich mich nicht klar ausgedrückt?“

 

„Hm, hören Sie zu“, fügte ich hinzu, „ich übernehme keine Arbeit, von der ich weiß, dass ich sie nicht gut machen würde. Das wäre sicherlich auch nicht in Ihrem Interesse ...“

 

„Sie sind unsere beste Möglichkeit im Augenblick“, meinte er, sichtlich verärgert. Und nach ein paar Sekunden fügte er langsam hinzu: „unglücklicherweise ...“.

 

„Es geht nicht. Nicht so, dass es zumindest Sinn ergibt“, beharrte ich.

 

Der Beamte hob seine Stimme verärgert und platzte dann ohne Warnung.

 

„Warum nicht, Dr. Flora, es sind bloß ein paar Sch**übersetzungen von einigen „sch**alten Texten von einem sch**merkwürdigen Ort und in einer sch**verrückten Sprache! Warum zur Hölle machen Sie nicht einfach diesen Sch**job?“

 

Für einen Augenblick sagte ich nichts. Er starrte mich angeekelt an. „Kann ich noch etwas Kaffee haben?“ erkundigte ich mich schließlich.

 

„Ja“, meinte er und zeigte auf die ziemlich schmutzige Thermoskanne auf dem Tisch zwischen uns.

 

„Ich kann Ihnen sagen, warum. Dazu brauche ich aber etwas Zeit“, sagte ich.

 

„Warum nicht“, sagte der Beamte sich zurücklehnend.

 

Ich nahm einen Schluck von dem abgestandenen und wässrigen Kaffee, räusperte mich und fing an zu erklären:

 

„Vor zwei Jahren wurde ich von dem Häuptling eines Bergstammes in Nord-Thailand nahe der östlichen Seite des Goldenen Dreiecks auf der Seite der Thais des Mekong zum Essen eingeladen.“

 

„Warten Sie“, unterbrach mich der Beamte und blätterte durch einen Stapel Papiere. „Das muss entweder der 11. Dezember 1993 oder der 9. Januar 1994 – welcher Tag war es?“ fragte er mich.

 

„Irgendwann im Dezember, ist das wichtig?“ sagte ich.

 

„Nur fürs Protokoll“, antwortete er etwas auf das Papier kritzelnd. Ich fuhr fort:

 

„Nach einigen Stunden auf dem Rücken von Elefanten, die jeden halben Kilometer anhielten, um einen außerplanmäßigen kleinen Imbiss zu bekommen, trafen wir schließlich den Stamm in einem kleinen Tal am Rande der Bergregion.

 

Ein Mann, der behauptete, Thai-Bürger zu sein, dessen Familie jedoch in Laos nahe der kambodganischen Grenze lebte, war mein Führer und Übersetzer.

 

Er war ein Mitglied der Roten Khmer – unfreiwillig, und das schon sehr sehr lange, wie er viele Male behauptete – und er und ich kommunizierten in einer Kombination von Französisch und Zeichensprache.

 

In diesem Bereich der Welt haben Grenzen und Nationalität keine wirkliche Bedeutung, wie Sie möglicherweise wissen.“

 

Ich nahm einen weiteren Schluck Kaffee, eine unbeschreiblich schlechte Mischung von Instant-Kaffee, Instant-Milch und künstlichem Zucker, was Instant-Übelkeit und Heiserkeit verursachte.

 

Der Beamte sah mich an, als ob ich ein Terrorist oder so etwas ähnliches war.

 

Ich nahm einen tiefen Atemzug, räusperte mich noch einmal und fuhr fort:

 

„Also, alle der größeren Bergstämme dort in den Bergen haben ihre eigene Sprache. Wissen Sie, der Name „Bergstamm“ kann irreführend sein – die „Berge“ sind steil und hohe Gebirge in einem Dschungelgebiet, das schwer zu betreten ist, außer auf Elefanten.

 

Wie auch immer, ich weiß nicht und möchte auch niemals wissen, woraus unser Mittagessen bestand, da die Leute dort alles essen, was ihnen als essbar erscheint. Und Spinnen und Schlangen werden als besonderer Genuss angesehen.

 

Der Häuptling des Stammes war amüsiert und verblüfft über die Weichheit und Glätte meiner Hände und wollte unbedingt wissen, wie ich meine Familie mit Nahrung versorgte. Natürlich, als ein Computer Freak brauche ich meine Hände nur zum Tippen von Emails und zum Auswechseln der Festplatte. Und verglichen mit deren Händen sahen meine so glatt wie Seide aus und waren eindeutig ungeeignet, eine Schlange jeder Größe zu erdrosseln.

 

Kurz und gut, die Frage lief auf die grob-französische Aussage hinaus: „Comment tu chasse des betes pour ta femme de faire dejeuner pour to toi et tes enfants?“ Oder in einfachem Deutsch: „Wie fängst du Tiere für deine Frau, um Essen für sie und für dich und deine Kinder machen zu können?“ 

 

Nun, was Ihnen wohl ziemlich genau klar ist, bin ich nicht verheiratet und ich habe keine Kinder. Aber ich habe eine Hauskameradin und zwei Hunde und Fische im Teich. Ich fahre vierzig Minuten auf der Autobahn, um zur Arbeit an einer Universität zu kommen und fummle mit Computern, Algorhythmen und allen möglichen wilden Theorien und bekomme zu meiner ständigen Überraschung sogar für all das bezahlt. Ich gebe das Geld aus, bevor ich es bekomme, und esse entweder in einem Restaurant oder die Delikatessen auf dem Universitätsgelände oder ich öffne eine Dose und erhitze sie auf einem Gasofen.

 

Also, mein Übersetzer hat andere Autos als Militär-Lastwagen nur im Fadenkreuz seines AK-47 gesehen, und er hatte nie von einem Computer gehört.

 

Aber er war mit allem möglichen Elektronischen vertraut, wie Radios und Zündungen für Explosionen, Lichtschalter und ähnliches. Und am Ende meiner Erklärungen, womit ich mir meinen Lebensunterhalt verdiene, lief dies in etwa auf folgendes hinaus:

 

„JD reitet ein Zehntel am Tag auf einem sehr sehr schnellen Elefanten (der mit stinkendem Wasser gefüttert wird) zu einem von Menschen gemachten Berg mit vielen Höhlen darin, in denen Tag und Nacht Licht scheint. Er macht tote Dinge lebendig und lässt sie Musik machen und Worte sagen und repariert diese magischen Dinge für andere Leute. Er spricht zu Leuten, die viele viele Stunden von Elefantenritten entfernt sind, und er zeichnet Symbole, die andere Leute an vollkommen anderen Orten augenblicklich erkennen. Er bekommt sowas wie Perlen als Tausch für Dinge, die er jetzt bekommt, für die er aber erst viel später die richtigen Perlen gibt. Er isst Tiere und Pflanzen (außer Insekten, Nagetiere und Schlangen), die von anderen gefangen, getötet und vorbereitet wurden. Oder er macht ein Feuer, um tote Tiere und Pflanzen (außer Insekten, Nagetiere und Schlangen) in seinem Haus aufzuwärmen, das hauptsächlich eine Höhle mit zwei kleinen Flüssen davor ist – einer zum Schwimmen und der andere enthält Fische. Er ernährt zwei Hunde und zwei Dutzend Fische, von denen er niemals einen zu essen beabsichtigt.“

 

Nun, der Häuptling dachte, ich müsste ein verdammt guter Zauberer sein. Er verstand jedoch nicht so recht, wie ich so dumm sein konnte, Hunde und Fische zu haben und sie nicht zu essen. Daher war er sehr skeptisch und verlangte von mir, auf einen Baum mit „Durus“ zu zeigen. Ein „Duru“, wie mein Übersetzer mir erklärte, ist eine weiße, riesige Ameise, die in bestimmten Gummibäumen lebt und die sehr lecker und knackig schmeckt, wenn sie lebend gegessen wird, die aber innerhalb von Minuten nach ihrem Tod zu tödlichem Gift wird. Wenn ich also wirklich ein solch merkwürdiger Zauberer wäre, der ich zu sein behauptete – entsprechend der Übersetzung meines Übersetzers natürlich – , dann würde ich überhaupt keine Probleme damit haben, einen Baum mit „Durus“ zu finden.

 

Nachdem ich erklärt hatte, dass ich nicht die leiseste Idee von all dem hatte, fing der Häuptling an mir zu zeigen, wie man sie sucht. Die Technik, herauszufinden, ob „Durus“ in einem Gummibaum sind, ist an den Stamm zu klopfen, zehn Sekunden zu warten und dann wieder zu klopfen. Wenn „Durus“ im Baum waren, würden sie am Holz im Innern des Baums kratzen und man könnte dann anfangen, den Baum zu fällen (was die Arbeit von mehreren Stunden ist, bei den Werkzeugen des Stammes). Unnötig zu sagen, dass ich unglaublich erleichtert war, als er keinen Baum mit „Durus“ fand und aufgab.

 

Dann entschloss er sich, dass ich ein Lied als Abschied singen sollte und ich sang „Stille Nacht“, weil dies das einzige Lied war, an das ich mich erinnerte. Alle lachten mich aus und konnten nicht glauben, wie dumm ich war ...“

 

Der Beamte unterbrach mich: „So, und was bedeutet dieser Sch**, Dr. Flora? Warum übersetzen Sie nicht einfach diesen Sch**text und es ist erledigt?“

 

„Können Sie es nicht sehen“, versuchte ich es noch einmal, „man kann zwei verschiedene Sprachen nur dann mit einiger Genauigkeit und/oder Verantwortung übersetzen, wenn eine minimale Übereinstimmung des Kontextes der entsprechenden Umgebung in solchem Maß verlässlich entwickelt werden kann, dass die hervorgebrachte Sicherheit über die Richtigkeit der sich ergebenden Wechselbeziehungen klar und unmissverständlich die Unsicherheit über jegliches Auftauchen von wertlosen Assoziationen und/oder strukturellen Interpretationen übertrifft.

 

Besonders beim völligen Fehlen von soliden physischen Objekten, die potentiell als Bezugspunkte zwischen begrenzten und unbegrenzten Konstruktionen                        bei keinem des entsprechenden linguistischen Rahmens benutzt werden könnten.

 

Selbst dann müssten jegliche Mehrdeutigkeiten oder Nuancen von indirekter emotioneller oder rhetorischer Betonung ständig als sich entwickelndes, dialektisches Szenario ausgearbeitet werden, welches ...“

 

„Morgen, 9:00 Uhr, Dr. Flora“, sagte der Beamte, hob langsam seine Hand und zeigte mit seinem Finger in Richtung Tür.

 

Ein nicht-verbaler Hinweis, den selbst ich nicht ignorieren konnte ...