310. Die verheerenden  Falschübersetzungen von dukkha

 

 

Wenige Änderungen von Gotamos ursprünglicher Botschaft haben so viel Schaden angerichtet wie die (Falsch-)Übersetzungen des Pali-Wortes dukkha.

 

Das kombinierte verzweigte Ergebnis von Zitaten außerhalb des Kontextes und unangemessene Bezeichnungen haben bewirkt, dass die Grundlinie des „Buddhismus“ von den meisten mit der Behauptung „alles Leben ist Leiden“ gleichgesetzt wird. Es erfordert kein großes Wissen über Gotamos Lehre oder über das allgemeine Gebiet des  menschlichen Geistes, um zu erkennen, wie verheerend sich die Meinung  „alles Leben ist Leiden“ als selbsterfüllende Prophezeiung auswirken kann.

 

Das Superbewusstsein und das Unterbewusstsein nehmen Behauptungen, die wie Befehle formuliert sind, wörtlich und führen sie in dem Augenblick aus, wo sie durch das Bewusstsein aufgenommen wurden:

 

·       Das Unterbewusstsein wird dem Befehl direkt  gehorchen, und zwar in Form von Krankheit und Körperproblemen und indirekt  durch das Anziehen von physischen Situationen, die Schmerz und Unbehagen enthalten.

·       Das Superbewusstsein wird die Anordnungen in drei Schritten ausführen: es übernimmt den Gesichtspunkt  (wie „alles Leben ist Leiden“), und wenn eine Situation entsteht, die tatsächlich Leiden enthält, wird es den Gesichtspunkt verstärken. Nach wiederholten Eindrücken dieser Art wird das Superbewusstsein dann entscheiden, dass „das Leben tatsächlich Leiden ist“. Wenn das Leben nicht schon Grund für Leiden ist, wird das Superbewusstsein für die Zukunft das Auftreten von Leiden postulieren.

 

Wenn dies in den unter- und superbewussten Teil des Geistes eines Wesens eingedrungen ist, werden mehrere Dinge geschehen, wenn nichts anderes unternommen wird:

 

·       Passive Kreisläufe (circuits) werden vom Unterbewusstsein

geschaffen, um die Identifikation zu automatisieren, die mit der

Behauptung  „alles Leben ist Leiden“  einhergeht.

·       Entitäten werden sich an die passiven Kreisläufe anheften,

die mit Minipostulaten – wie selbstablehnende Behaup-

tungen – geladen oder grundiert werden und auf diese Weise

aktive Kreisläufe erschaffen.

·       Die aktiven Kreisläufe (Entitäten) werden sich entweder durch klonen oder hinüberspringen zu anderen Kreisläufen verbreiten – entweder innerhalb desselben Trägers oder bei einem anderen  Wesen oder einer anderen Entität.

·       Die aktiven Kreisläufe werden sich zu Gruppen (oder Mini-Organisationen von Entitäten) formen, in denen sie noch stärker vor der Überprüfung des Wachbewusstseins verborgen sind.

·       Das Superbewusstsein mag den Inhalt des Kreislaufs auf eine höhere organisierte Ebene verdoppeln, wie zum Beispiel vom Individuum zu seiner Familie, von dort zur Stadt, und in mehr Fällen als normalerweise erkannt oder bestätigt wird, zu ganzen Nationen oder ethnischen Gruppen.

 

Auf diese Art sind ganze Bevölkerungen in Selbstvernichtung getrieben worden, was dann Millionen von Wesen – Menschen und Tiere – mit sich gezogen hat.

 

Die „Ursache“ dafür wird immer dort hingeschoben, wer auf der anderen Seite des postulierten Geschehenen ist – provoziert oder „hineingezogen“ –,  was dadurch den „Opfer“-Gesichtspunkt  verstärkt und folglich auch die Verminderung von Verantwortung.

 

Es gibt mehrere bösartige Merkmale dieser Falle, in die ein Wesen leicht geraten kann, wenn es diesen Weg ins Fiasko geht. Einige davon sind:

 

·       in einem Zustand von Leiden ist das Wesen weniger fähig, an seiner eigenen Befreiung zu arbeiten und daher

·       wird es als Nebenwirkung weder traumatische Erlebnisse der Vergangenheit konfrontieren noch erfolgreich lösen;

·       diese Falle geht ziemlich schnell in Richtung Abwärtsspirale, was es mit jeder Drehung schwieriger macht, ihr zu entkommen;

·       andere Wesen und Superwesen („Natur“) können den Zustand des Superbewusstseins oder Gruppenniveaus erkennen und entweder beitragen (zu noch mehr Leiden) oder sich trennen (Hilfe abweisen);

·       die Person wird unfähig sein, den „Meditationsweg“ richtig zu benutzen (der gewöhnlich als „der“ Weg des „Buddhas“ verkauft wird, und dann auch als „einziger“ Weg), weil sie nicht vollständig in den ersten Zustand der vier ganzheitlichen Zustände des Geistes – „Liebe teilen“ oder „metta“ – eintreten kann. Sie wird weiterhin ihr eigenes Leiden mit dem zweiten Zustand des Geistes („Mitgefühl“) verbinden und daher die Leiden anderer im allgemeinen eher vergrößern anstatt zu heilen. Und sie kann ganz sicher nicht auf die richtige Weise in den dritten Zustand („Freude teilen“) eintreten. Wie kann jemand, der denkt, „alles Leben ist Leiden“, Freude mit anderen teilen, und zwar auf nicht-urteilende Art? Und letztens, der vierte Zustand der vier ganzheitlichen Zustände des Geistes, der Zustand von Gleich-gültigkeit – eine niedrigere Harmonik von nibbana  oder der „vollkommenen Befreiung“, ist außer Reichweite, weil es ein Zustand ist, der nur auf richtige Art erreicht werden kann, wenn die ersten drei Zustände in richtiger Reihenfolge durchlaufen wurden. (Die vier Zustände des Geistes werden in einem anderen Kapitel erklärt.) Gewöhnlich wird die Person dieses Versagen rechtfertigen und den korrekten Zustand des Geistes mit emotionellen (körperlichen) Zuständen ersetzen, die dann nahe bei „Dumpfheit“ und „Nichtinteresse“ sind und daher zur Bewegung in Richtung Abwärtsspirale der Falle beitragen.

 

Man könnte ein Buch von Hunderten von Seiten als Erklärung schreiben, warum die Übersetzung von dukkha  als „Leiden“ ein fataler Fehler ist. Mann könnte ein paar hundert Seiten mit Beispielen hinzufügen, wie „Glücklichsein durch Glücklichsein“ erreicht wird, was – wie berichtet wird – Gotamo seinen Zuhörern präsentiert hat.

 

Die Grundtatsache ist, dass die vollkommene „Wahrheit von dukkha“ – die erste der vier „hohen Wahrheiten“ – nur in einem befreiten Zustand richtig erkannt werden kann.  Dann aber sollte bedacht werden, dass durch das Erkennen eines Zustandes „wie-er-ist“ der Zustand aufgelöst wird.

 

In diesem Notizbuch wird dukkha  meistens unübersetzt bleiben. Eine nahe kommende moderne deutsche Beschreibung wäre das Konzept von „Fall“ (case) – eine Formulierung, die allerdings nicht allzu bekannt ist. Innerhalb dieses Buches kann das Wort dukkha  ganz sicher benutzt werden, wann immer das Wort „Fall“ gebraucht wird.

 

Das Wort „Ver-rücktheit“ wäre in vielen Fällen eine akzeptable Wahl, weil es die ursprüngliche Konstruktion des zusammengesetzen Wortes dukkha  aufrechterhält, das wortwörtlich „nicht-ganz“ (bruchstückhaft) bedeutet.

 

Wie ist die Übersetzung „Leiden“ entstanden. „Leiden“ ist die Folge von dukkha, so wie „Fall“ oder „Ver-rücktheit“ die Ursache für die Probleme ist, die eine Person in ihrem Leben hat.

 

Eine Person muss erkennen, dass sie „Fall“ hat, bevor sie in Bezug darauf etwas unternehmen kann. Dieses ist ein moderner Ausdruck für die „erste hohe Wahrheit von dukkha“. Um fallmäßig etwas tun zu können, muss verstanden werden, wie „Fall“ zunächst entsteht und wie „Fall“ fortgesetzt erschaffen wird. Dieses ist offensichtlich die „zweite hohe Wahrheit“ von Gotamo. Die dritte ist die Wahrheit über die Auflösung von „Fall“ oder „die Wahrheit über die Auflösung von dukkha“ . Dieses ist die grundlegende Möglichkeit von dem, das heutzutage „Klären“ oder „Prozesse laufen“ genannt wird. Die vierte Wahrheit, der „Weg, den Fall (dukkha) aufzulösen“, würde in modernen Worten „angewandte Technologie“ genannt werden.

 

Hier ist jedenfalls – um dieses traurige Kapitel des Notizbuchs mit einer positiveren Anmerkung zu schließen – ein Zitat des Pali Kanons über eine befreite Person:

 

              „Was immer zu tun war, war getan.

             Worüber auch immer Freude war, ist genossen worden.

            Glücklichsein wurde erreicht durch Glücklichsein.“

 

                                                                               (Theraaghata 63b)

 

 

Anmerkung des Übersetzers:

Es wird darauf hingewiesen, dass bei dem Begriff „Gleich-gültigkeit“ nicht Gleichgültigkeit von Apathie oder ähnlichem gemeint ist. Gemeint ist gleiche wertfreie Gültigkeit.