34.    Das „anatta“- Prinzip

 

 

Das Prinzip von „anatta“ (nicht-selbst) ist das grundlegende Leitmotiv von Gotamos Lehren und für  alle  Schulen des Denkens und Betrachtens von extremer Wichtigkeit – frührer wie auch heute.

 

Es beschreibt den Umstand,  dass ein Beobachter nur ein Objekt beobachten kann, das sich vom Beobachter vollkommen unterscheidet.

 

Dieses mag zunächst nicht sehr bedeutsam sein; die Konsequenzen sind jedoch so wichtig, dass dieses Prinzip innerhalb der Welt der Phänomene bezeugt werden kann.

 

Zwei Beispiele:

 

Linsen sind vorhanden), außer vom Film selbst, den sie zur Belichtung benutzt.

 

(Es sei angemerkt, dass in den obigen Beispielen die Phänomene „Linse“ und „Drehpunkt“ eine besondere Rolle spielen. Ihre Funktion ist mit Gotamos „citta“-Konzept vergleichbar.)

 

Da dieses Gesetz in diesem Universum so grundlegend ist, muss es auch für die Beziehung zwischen „Selbst“ und „Universum“ gelten:

 

                          „Selbst“ kann nicht über das Universum erfahren werden.

 

Jedes Streben, das „wahre Selbst“ innerhalb dieser Welt zu finden, muss fehlschlagen und sehr wahrscheinlich in selbst-reflexivem Verschließen enden. Folglich ist Gotamos Methode, nicht-selbst (an-atta) zu erkennen, der einzige Weg zur vollkommenen Befreiung.

 

Wenn dieses einfache (jedoch feinsinnige) Prinzip angewandt wird, zerfällt augenblicklich eine große Anzahl von „Nirwana“-Behauptungen.

 

„Erleuchtung“ ist zum Beispiel eine mentale Erfahrung (einer Lichtwelt). Dies kann nicht „selbst“ sein, weil es erlebt wird. Ähnlich ist es mit der Wahrnehmung von „Leere oder Nichts“, die mentale Prozesse sind und nicht mit dem Selbst gleichgesetzt werden kann. Anmerkung:  Letztere Wahrnehmung hat einige tückische Fallen und ist dem Nihilismus gefährlich nahe, der Gotamo zufolge „... die schmutzigste von allen Hüllen ist.“ (Des Verstandes.)

 

Vielen zeitgenössischen „Erleuchtungs“- oder „Klärungsprozessen“ fehlt der Gesichtspunkt dieses grundlegenden Gesetzes. Das Ergebnis davon ist eine Person, die in einem Stadium Halt macht, wo sie nichts wahrnehmen kann, von dem sie denkt, dass sie es  nicht  ist.

 

Eine Person kann nur Dinge als Prozess laufen (selbst oder mithilfe von jemandem), die sie als Unterschied zu sich selbst wahrnimmt. Selbst wenn die Person durch die Gesichtspunkte anderer – die behaupten, Entitäten und Schaltkreise seien existent – indoktriniert wird, obwohl die Person keine erkennt, wird die Person den Prozess nur in dem Maße korrekt laufen, wie sie lernt, „nicht-selbst“-Merkmale während des Prozess-Laufens zu erkennen.

 

Schlimmstenfalls wird die Person das hinstellen, was auch immer indoktriniert wurde, als vorhanden zu erwarten. Jetzt hat die Person falsches Eigenes hinzugefügt – zum alten Fall.

 

Die meisten dieser Fallen können vermieden werden, indem das „an-atta“-Prinzip in Programmen dieser Art integriert wird.

 

Wegen der grundlegenden Bedeutung ist der Grad der Wahrnehmung der Welt und ihrer Phänomene als nicht-selbst der Wendepunkt für ein Wesen. Wenn das Wesen den „anatta“-Blick bis zu einem gewissen Grad erkannt hat, gibt es kein Zurück. Daher ist das Überschreiten dieser Schwelle das ausdrückliche Ziel, das Gotamo seinen Zuhörern gesetzt hat.

 

Auf jeder Stufe löst der „anatta-Blick“ oder die „Wahrnehmung von nicht-selbst“ Identifikationen des Wesens mit Dingen auf, die sich von ihm unterscheiden. Darum bringt diese Methode in jeder Situation Vorteile, selbst im Ingenieurswesen und in der modernen Wissenschaft.