Dunkles Licht

„Kannst du nicht endlich mal die Klappe halten? Ich versuch  zu schlafen – wenigstens etwas!“ beschwerte sich das kleine Mädchen. Sie klang ziemlich gereizt.

„Da siehst Du’s! Hab ich dir ja gleich gesagt! Jeder hasst dich!“ kreischte das Licht die Dunkelheit triumphierend an. Tiefe Verachtung war unverhohlen zu hören.

„Ich meine euch BEIDE! Seid jetzt endlich still!“ Das kleine Mädchen wurde immer unruhiger. „Ich muss morgen früh in die Schule, und das sehr früh!“ betonte sie energisch.

„Diese ekelhafte Dunkelheit ist es, die diesen Streit angefangen hat! Ich bin vollkommen unschuldig“, verteidigte sich das Licht jetzt erbost.

„So so“, säuselte die Dunkelheit ironisch und zugleich mit weicher Stimme, „jetzt zeigt das Licht sein wahres Gesicht! Absolut nichts als Lügen!“

„Ach hör doch auf! Dein blödes Gerede!“ kreischte das Licht empört. „Wo doch jeder weiß, dass Dunkelheit böse ist! Und feige und hinterhältig noch dazu! Ich dagegen – ja, ich selbst, das strahlende Licht – stehe für ewige Wahrheit und Aufrichtigkeit. Und – ja, zum Mitschreiben – ich allein bin die Wahrheit!“

„Und warum musst du dann so schrill herumschreien, du Licht? Ist es darum, weil du jeden mit Deiner Helligkeit überwältigen musst, um ernst genommen zu werden?“ Die Dunkelheit flüsterte jetzt: „Musst du andere mit deinem Licht blind machen, damit sie die tatsächliche Wahrheit nicht erkennen?“

„Unsinn! Niemand sieht irgend etwas, wenn ich nicht zuerst da bin“, behauptete das Lich rechthaberisch. Und natürlich etwas zu laut.

„Du hast meine Frage nicht beantwortet“, murmelte die Dunkelheit vor sich hin. Sie klang etwas schadenfroh. „Also habe ich Recht!“

„Du wirst doch nur dann erkannt, wenn ich nicht vorhanden bin!“ setzte das Licht fort und blähte sich stolz auf.

„Pah! So ein Quatsch!“ konterte die Dunkelheit, „das zeigt ja ganz deutlich, dass ich immer noch da bin, wenn du weg bist. Ohne mich würdest du nicht mal existieren! Kapiert?“

„Jetzt reicht’s aber, ihr beiden!“ Das kleine Mädchen kam hoch und setzte sich auf ihr Bett. Sie war fest entschlossen, dieser Zankerei, die ihr den Schlaf raubte, ein Ende zu machen. „Wie lange geht das denn schon so, dass ihr euch streitet? Könnt ihr überhaupt nicht aufhören?!“

Plötzlich war es still im dem kleinen Zimmer des Kindes.

„Los! Anwortet!“ verlangte das kleine Mädchen.

Immer noch Stille.

Dann endlich antwortete die Dunkelheit. Sehr langsam und jede Silbe abwägend – als wenn ihr Leben davon abhing:

„Es gab einmal eine Zeit, wo ich mit mir selbst in Harmonie war. Das ist sehr sehr lange her. Und es ist so lange her, dass es damals tatsächlich keine Zeit gab. Dann, ich kann mich nicht erinnern, wann das war, entdeckte ich eine schmutzige Stelle von gräßlichem Licht in meinem wunderbaren Selbst. Und seitdem, mein liebes Kind, gab es dieses scheußliche, störende und absolut unausstehliche widerliche Ding, das sich Licht nennt.“

Wieder breitete sich tiefe Stille im Zimmer des Kindes aus. Einen kurzen Moment sah es so aus, als ob endlich Frieden im Raum eingezogen war.

„Was hast Du zu all dem zu sagen, liebes Licht?“ wollte das kleine Mädchen jetzt wissen.

Wie aus dem Nichts kam plötzlich ein Blitz. Grell und verletzend für jedermanns Augen. Und mit scharfer und schneidender Stimme fing das Licht an zu schreien – mit Worten so schnell und gellend, dass das kleine Mädchen vor Schreck kaum Luft bekam:

„Das ist die unglaublichste Lüge, die ich jemals in meinem ganzen Leben gehört habe! Und ich kann sagen – was für ein Leben! Ich bin hier seit Beginn des Universums. Nichts existiert ohne mich. Und nichts existiert ohne mich weiter ...“

„Außer mir natürlich“, unterbrach die Dunkelheit mit breitem Grinsen.

„Das darf ja wohl nicht wahr sein! Aufhören ihr beiden, sofort! Lasst uns jetzt ein für allemal klarstellen: Ihr streitet auch seit dem Anfang des Universums? Richtig?“

„Hmm, ja“, gab das Licht zu.

„Tja ..., nein! Nur von dem Augenblick an, wo ich die erste Stelle von Licht in mir entdeckte“, grollte die Dunkelheit angewidert.

„Ach du Armer!“ spöttelte das Mädchen.

„Ehrlich, ich kann mich nicht erinnern, diesen Dreck von Dunkelheit nicht um mich gehabt zu haben!“ Das Licht schoß blendende Blitze. „Seitdem habe ich meine Existenz verflucht!“

„Was??! Ja und wann werdet ihr beiden euch endlich vertragen?“

„Wenn das Licht für immer und ewig verschwunden ist! Für alle Zeiten ausradiert!“ verlangte die Dunkelheit giftig.

„Nein! Es wird erst wieder Ruhe sein, wenn die Dunkelheit auf immer besiegt ist“, forderte das Licht wieder lauter werdend.

„Das geht überhaupt nicht, du Licht! Denn am Ende von all dem, am Ende des Universums wird es nur noch mich geben! Mich! Mich! Mich! Lange nachdem das Licht abgezischt ist!“

„Aber gab es nicht irgend etwas vor euch? Und vielleicht – es könnte ja sein – gibt es etwas, das nach dir da ist, liebes Licht?“ fragte das Mädchen wissbegierig.

Die Dunkelheit blieb stumm.

„Weißt du’s oder weißt du’s nicht?“ drängte das Mädchen jetzt.

„Hmm, na ja - es gibt etwas, ja“, druckste die Dunkelheit herum und fuhr dann vorsichtig fort: „Aber ich darf es nicht sagen. Nur wenn jemand  wirklich wissen will, darf ich einige Hinweise geben.“

„Nerv! Ich hab dich doch gefragt, oder?!“ Dem Mädchen wurde es langsam zu bunt.

„Ja, das hast du; aber solange du das Licht der Dunkelheit vorziehst, würdest du die Antwort nicht verstehen, fürchte ich“, setzte die Dunkelheit fort. Und es war deutlich ein besorgter Unterton in ihrer Stimme zu erkennen.

„Ich mag euch aber doch BEIDE!“ rief das Mädchen aus. „Wenn ich zu Bett geh, ist es schön dunkel  und es ist alles still. Die Nacht deckt uns ganz leise zu und die vielen Sternlein passen auf uns auf.“ Und dabei drückte sie ihren kleinen Teddybären mit nur einem Ohr ganz fest an sich, wobei der Dunkelheit passierte, dass sie in einem kleinen Anfall von Rührung etwas heller wurde. Und auch das Licht konnte nicht verhindern, ein paar Sekunden mitfühlend diese grelle Helligkeit etwas zu dämpfen. Versonnen setzte das kleine Mädchen fort: „Und wenn es morgens wieder hell wird, weckt uns die Sonne wieder ganz lieb auf.“

Es war Stille in dem kleinen Zimmer.

„Aber Dunkelheit ist doch böse, kleines Mädchen. Kannst du das denn nicht erkennen?“ wunderte sich das Licht wieder greller werdend. „Möchtest du nicht lieber mit dem Licht zusammen sein?“

„Lass dich ja nicht täuschen!“ warf die Dunkelheit lauernd dazwischen. Sie war schon wieder rabenschwarz geworden, „denn natürlich ist es genau umgekehrt!“

„Ich halt’s nicht mehr aus! Ihr beiden! Was hat das mit all dem zu tun?“ schimpfte das kleine Mädchen die beiden jetzt aus.

„Hell ist hell. Und dunkel ist dunkel. Wenn Helles da ist und das gut ist, und Dunkles da ist und das auch gut ist – dann ist es immer noch gut, wenn dann beides da ist. In dir, liebe Dunkelheit, kann auch Böses sein, und ebenso in dir, liebes Licht.“

Sie machte eine kleine Pause, um Luft zu holen.

„Jedenfalls sieht es nach einem langen Streit aus“, meinte das kleine Mädchen nachdenklich. „Ich muss jetzt aber schlafen, sonst werd ich morgen den ganzen Tag müde sein. Und das macht überhaupt keinen Spaß, das kann ich euch sagen! Also, wie wär’s, wenn ihr mir ein paar Stunden Zeit gebt? Und wie wär’s denn, wenn ihr euch mal etwas mögt – nur für eine kleine Weile?“

„Hmm ...“ brummte die Dunkelheit.

„Tsss ...“ zischte das Licht.

„Überlegt euch doch mal: Gibt es nicht irgend etwas, das in jedem von euch ist?

„Ja, aber das ist ja das Problem ...“ wurde das Licht wieder lauter.

„Pssst!“ befahl das kleine Mädchen.

„Wie wär’s, wenn du, liebes Licht, dich selbst wirklich liebhaben würdest, obwohl du Dunkles auch in dir hast? Nur diese eine Nacht, bitte!“ schlug das Mädchen eindringlich vor.

„Ich könnte es ja mal ein klein wenig versuchen“, gab das Licht zögernd nach.

„Und wie ist es mit dir, liebe Dunkelheit?“ fuhr das kleine Mädchen fort. „Kannst du nicht auch versuchen, dich selbst zu liebzuhaben, auch wenn etwas Helles in dir ist, das dein Groß-sein etwas kleiner macht?“

„Hmm ...“ brummte die Dunkelheit versöhnlicher.

Und in dieser bedeutenden Sekunde geschah Wundersames. Etwas, das es sehr sehr selten zwischen Dunklem und Hellem gegeben hatte: Der Raum des Kindes füllte sich mit wohligem dunklem Licht und das Kind sank zurück auf sein Bettchen und schlief sofort ein. Und obwohl es doch recht erschöpft war, sah man deutlich, wie glücklich es eingeschlafen war.

Eine samtglänzende Dunkelheit umschlang und durchdrang das kleine Haus, in dem das Mädchen lebte. Sie war leuchtend und friedlich – aber auch mächtig.

In dieser Nacht strahlte der Mond. Und sein breites Grinsen war weit davon entfernt, bloß Einbildung zu sein – denn  in dieser Nacht war es echt.